Klimaentscheid fragt Expert:innen

09.11.2021

Fragen an Prof. Dr. Susanne Tittlbach - Vizepräsidentin für Digitalisierung, Innovation und Nachhaltigkeit an der Universität Bayreuth


Der Klimaentscheid Bayreuth hatte Gelegenheit sich mit Prof. Dr. Susanne Tittlbach auszutauschen und ihr einige Fragen zu stellen. Die Beantwortung der Fragen wurden von Prof. Tittlbach in Zusammenarbeit mit Leyla Sungur von Green Campus vorgenommen.

Der Umweltausschuss der Stadt Bayreuth hat am 18. Oktober einen ersten Klimaschutzplan veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass das CO2-Budget der Bayreuther Bürger:innen 2024 aufgebraucht sein wird, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Die Universität Bayreuth hat Anfang des Jahres eine Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen, auf städtischer Ebene steht der Beschluss eines ambitionierten Maßnahmenplans, wie es der Klimaentscheid fordert, aber noch aus.Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass jetzt gehandelt wird?

Der Schutz des Klimas ist eine der großen und eine der wichtigsten globalen Herausforderungen, mit denen wir als Gesellschaften konfrontiert sind. Rasches und entschlossenes Handeln ist geboten. Nicht umsonst war die letzte, von der Universität Bayreuth (Abteilung Stadt- und Regionalentwicklung, Prof. Miosga) durch ein Forschungsprojekt initiierte und begleitete Wandelwoche des forum 1.5 im September überschrieben mit „Keine Zeit zu zögern – unsere Lebens(t)räume von morgen prägen“. Dass die Zeit zum Handeln knapp wird, zeigen Extremwetterereignisse weltweit, gesundheitliche und soziale Auswirkungen des Klimawandels und vieles mehr.
Die Ausarbeitung von konkreten Plänen und Maßnahmen ist damit von großer Bedeutung, um eine möglichst rasche Umsetzung zu gewährleisten.

Oft fällt das Argument: „Eine kleine Stadt wie Bayreuth kann sowieso nichts bewegen. Was bringt es schon wenn wir uns anstrengen?“ Ist diese Einstellung Ihrer Meinung nach gerechtfertigt? Was kann die Stadt Bayreuth und auch die Universität für den Klimaschutz tun?

Klimaschutz und nachhaltiges Handeln haben per se nichts mit der Größe einer Organisation zu tun. Jegliche Veränderung hin zu einem nachhaltigeren Handeln wird uns gesellschaftlich in Sachen Klimaschutz weiterbringen. Oftmals ist es sogar leichter Maßnahmen in kleineren Regionen umzusetzen, um daraus eine Reichweite auf größere Regionen / Städte zu entfalten. Die Universität Bayreuth hat als Forschungsinstitution eine sehr große Reichweite und dementsprechend vielfältige Möglichkeiten, die Thematik des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit in die Gesellschaft zu implementieren. Unser Campus ist ein kreativer, interdisziplinär funktionierender Organismus. Wir wollen das hier vorhandene Potenzial nutzen, um Nachhaltigkeit voranzutreiben. Auch aus diesem Grund haben wir uns als auch „nur“ mittelgroße Universität eine Nachhaltigkeitsstrategie mit dem Ziel einer langfristig klimaneutralen Universität gegeben. Abläufe auf den Prüfstand zu stellen, die großen Treiber von Emissionsausstöße und Verbräuchen zu identifizieren und wo möglich zu reduzieren und die Universitätsangehörigen auf klimatechnisch problematisches Verhalten (Stichworte z.B. Ernährung, Mobilität) aufmerksam zu machen und nachhaltige Lösungen aufzuzeigen, sehen wir als Pflicht der Universität im Hinblick auf die nachkommenden Generationen.
Beispiele unseres Handelns an der UBT:
Die Universität Bayreuth strebt die Einführung eines Umweltmanagementsystems in Anlehnung an das ‚Eco Management and Audit Scheme‘ (EMAS) an. Mit dem Aufbau eines solchen zertifizierten Umweltmanagementsystems wollen wir bewährte Strukturen schaffen, um negative Umweltauswirkungen zu reduzieren und die Nachhaltigkeitsleistung der Universität Bayreuth zu verbessern.
Neben der - zweifelsohne zentralen - Orientierung an Emissionen und CO2 Bilanzen, tun wir aber auch etwas für die Bewusstseins- und Verhaltensänderung der Universitätsmitglieder hin zu mehr Nachhaltigkeit, z.B. im Hinblick auf die Nutzung umweltfreundlicher Mehrwegverpackungen, eine aus CO2-Sicht nachhaltige (und leckere) Ernährung in der Mensa, nachhaltigen Mobilitätsformen etc. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass es oftmals die vermeintlich kleinen Anpassungen und auch Vorführeffekte sind, die Verhaltensänderungen nach sich ziehen. Dass nachhaltiges Handeln als „normal“ angesehen wird, gelingt nur, wenn Menschen es auch an anderen wahrnehmen. Dieser Vorführeffekt ist also wichtig. Und das ist unabhängig von der Grüße der jeweiligen Institution bzw. des Settings.

Das Thema Nachhaltigkeit scheint am Campus der Universität angekommen zu sein. Welche Kooperationsansätze gibt es mit der Stadt Bayreuth? Wünschen Sie sich eine engere Zusammenarbeit?

Im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie haben wir auch dem Bereich „Third Mission“, dem wechselseitigen Austausch zwischen Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik, und damit auch mit Stadt und Region Bayreuth, einen wichtigen Platz eingeräumt. Daher ein klares „Ja“ auf Ihre Frage: wir wünschen uns eine enge Zusammenarbeit. Diese Zusammenarbeit ist auch bereits von beiden Seiten formuliert worden und damit kurz vor dem Start. So haben seit meinem Amtsantritt im September bereits erste bilaterale Gespräche mit Vertreterinnen der Stadt stattgefunden, die in den nächsten Wochen in konkrete Gesprächsrunden übergeführt werden. Wir können sicherlich voneinander lernen, was Prozesse zur Einsparung von CO2 Emissionen angeht. In einigen Bereichen, z.B. dem Wandel zu nachhaltigen Mobilität, ist eine Zusammenarbeit sogar unabdingbar. Denn die Universitätsmitglieder wohnen und leben in der Stadt und Region. Es würde z.B. nur wenig Sinn machen, zwar an der Universität eine tolle Infrastruktur für das Radfahren zu erarbeiten, diese jedoch nicht in die Stadt und Region weiterzuführen und gemeinsam abzustimmen.

*Um konkrete Nachhaltigkeitsthemen identifizieren zu können, sind aus unserer Sicht „Roundtable“ Diskussionsveranstaltungen mit Vertretern aus Politik und Wirtschafts- und Umweltverbänden an der Universität Bayreuth zu aktuellen Themen der Nachhaltigkeit wichtig. Damit wollen wir vor allem neue Nachhaltigkeitsthemen identifizieren, um frühzeitig darauf reagieren zu können.

In der Nachhaltigkeitsstrategie haben wir uns vorgenommen, zur Intensivierung fachlicher sowie fachübergreifender Forschung am Campus im Zwei-Jahres-Turnus eine „Nachhaltigkeitskonferenz“ durchzuführen. In dieser sollen bisher unbekannte Schnittmengen in der Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Bayreuth identifiziert und entsprechende Kooperationen von Forscherinnen initiiert werden. Hieraus soll eine Nachhaltigkeitsplattform entstehen, die es –auch der Stadt - ermöglicht, Kontakte auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene leichter zu finden.*

Sie sind Vizepräsidentin für Digitalisierung, Innovation und Nachhaltigkeit an der Universität Bayreuth. Auf dem Jahreskolloquium des Bayrischen Wissenschaftsforums haben Sie sich in Ihrem Vortrag mit der Frage beschäftigt, wie Bayern klimaneutral werden kann. Ihr Fokus lag dabei auf der Transformation der Hochschulen und die Rolle der Wissenschaft. Welche Empfehlungen lassen sich aus dieser Perspektive heraus an die kommunale Politik geben?

Es liegen in einer hohen Dichte wissenschaftliche Erkenntnisse von verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen vor, die Lösungen aufzeigen, wie Klimaneutralität hergestellt werden kann. Neben technologischen Innovationen geht es hierbei auch um das „Abholen“ der Menschen mit ihren Bedarfen, Bedürfnissen und Gewohnheiten und das Aufzeigen von für alle gangbaren Möglichkeiten. Nur dann kann ein Verhaltensänderungsprozess in Richtung Nachhaltigkeit angestoßen werden. In diesem muss gemeinsam entschieden werden, wie Maßnahmen in der Institution, der Stadt, der Region, konzipiert und umgesetzt werden sollen, damit sie auch Akzeptanz in der Bevölkerung erfahren.
Denn wir wissen in der Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, dass ambitionierte Maßnahmen in unterschiedlichsten Bereichen (Energieversorgung, Mobilität, Wärme, Verkehr, usw.) so schnell wie möglich notwendig sind, um eine Eindämmung des Klimawandels erreichen zu können. Hierfür eine Akzeptanz zu schaffen, die Maßnahmen sozialverträglich zu gestalten, Menschen mitzunehmen, ist aus meiner sozialwissenschaftlichen Sicht immens wichtig. Damit beschäftigen wir uns in unserem internen Transformationsprozess der Universität, aber das ist natürlich übertragbar auf andere Settings.
Das BayWiss Jahreskolloquium hat gezeigt, wie viel Expertise und wie viele konkrete Lösungsideen bereits vorhanden sind, wie Synergien genutzt werden können. Kommunale Politik sollte diese aufgreifen und in den ständigen Dialog und konkrete Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen eintreten, um Möglichkeiten der Umsetzung zu schaffen.*

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